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flowerpower
Posted: 26.11.2007, 13:21 Reply with quote
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Balkan Blues

Filmmusik des Goran Bregovic

Hat man Ähnliches schon gehört? Knarzende Blaskapellen zu mahlerischen Streicherwogen, die Reinheit der Stimmen bulgarischer Sängerinnen zur rumpelnden Rockmusik im 11/8-Takt! Hat man so ein Publikum schon gesehen? Das lilafarbene Szenegirl neben der ökologisch korrekten Wolljackendame, alle tanzend, singend, lauschend! Als Goran Bregovic jetzt mit seiner 50 Mann/Frau starken Funeral And Wedding Band über Europas Konzertbühnen zog, spürte der deutsche Musikfreund, wie kolonisiert und verarmt er sonst hört. Wie sehr sich Kriterien auflösen, wie man deutschen Techno als Reichsparteitagsmusik verstehen kann und Militärmärsche vom Balkan als Friedenshymnen zu singen sind: Kalasnjikov - boom, boom!

"Es ist Brauch", erzählt Bregovic, "dass man zur Beerdigung die Musik spielt, die der Tote zu Lebzeiten mochte. Deshalb ist das oft Hochzeitsmusik." Ganz einfach also: Musik vom Mardi Gras in Belgrad und Sarajevo, hier, wo Bregovic 1950 geboren ist, dort, wo seine Verwandten leben. Er könnte zum Kronzeugen des politischen Irrsinns taugen, mit dem kroatischen katholischen Vater, der orthodoxen serbischen Mutter und der muslimischen Frau - jener Goran, der mit seiner Rockband Bijelo Dugme ("Weißer Knopf") die Stadien im ehemaligen Jugoslawien füllte. Als er mit seinem früheren Freund Emil Kusturica nach Paris ging, wurde er zum Filmkomponisten, der Krieg machte ihn zum Emigranten - 15 Filme eines Balkan-Komponisten.

Zart schmilzt die Klarinette zum Humpabumpa der Blasmusik, die Tuba mampft Akkorde, während eine sparsam gezupfte, leicht verstimmte Mandoline gegen die Übermacht der Streicher kämpft. Und es passt! Er ist ein Magier, der jeden Effekt aus dem Morricone- und Rota-Hut zaubern kann, der erhebend und zu Tode betrübt komponiert, ob es Lieder sind oder Instrumentalmusik. Songbook nennt sich die eine CD (Mercury 564 829), Music For Films die zweite (Mercury 546 204, Vertrieb: Universal). Beide vereinen sie Musik aus verschiedenen Filmen und klingen doch wie ein einziges großes Werk. Das kommt, weil er sich Regisseur und Film nie unterordnet, weil ein gewaltiges Gefühl alles zusammenhält, ob es der Wille zum Kitsch, die Sehnsucht nach glorienumrankter Dramatik oder sein Hang zum leicht verstimmten Glück ist. Iggy Pop singt hier, Ofra Haza, Kayah und Evora, Johnny Depp spricht, und Scott Walker leuchtet als dunkler Diamant.

Die grauenhafte Zersplitterung des Balkans hat sich in leuchtende musikalische Vielfalt verwandelt. Oder: Goran Bregovic klaut so eindrucksvoll, dass alles ihm gehört.

© DIE ZEIT, 32/2000
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