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Goran Bregovic
~ officeandarts,de: Interview mit TV-Beograd
flowerpower
Posted: 01.06.2007, 03:47
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Joined: 26 Apr 2007
Posts: 320
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INTERVIEWS VON GORAN BREGOVIĆ NACH DER AUFLÖSUNG VON BIJELO
DUGME
INTERVIEW AUS DER FERNSEHSENDUNG ÜBER BIJELO DUGME –
GESENDET VON TV BEOGRAD 1994
Das Gespräch mit Goran Bregović führte Petar Popović
Mit welcher Art Emotionen blickst du jetzt auf Bijelo Dugme?
Ich habe mein ganzes Leben das Problem, dass ich mich nie an etwas zu stark binde. So dass,
wenn du mich jetzt in so etwas wie Bijelo Dugme hineinwirft, ich mich langsam anhefte, so
rückblickend, weil ich von allem mit großer Freude ging. Deswegen störte es mich die letzten
zehn Jahre den berühmten Menschen zu spielen. Hätte es keinen Krieg gegeben, war ich
schon für die Rente vorgesehen. Ich wollte nichts mehr machen seitdem ich das Haus am
Meer gekauft hatte. Ich ging dahin und übte für die Zeit in der Rente mit den Fischern. Hätte
es keinen Krieg gegeben, hätte ich praktisch nie wieder gearbeitet. Ich dachte, ich hätte zu
viel gearbeitet, wäre zu bekannt und das nervte mich sehr. Wenn du jetzt Bijelo Dugme sagst,
denke ich, dass ich ein Teenager-Star sein musste und wenn ich darüber nachdenke, kommt
mir das so blöd vor. Aber wenn ich den Film zurückspule, fallen mir auch diese schönen
Sachen ein. Weißt du, auch wenn heute jemand anfängt Gitarre zu spielen, fängt er damit an,
dass ihm alles passiert, was Bijelo Dugme passiert ist. Ich habe das Problem, dass ich das seit
langem zu Ende genossen habe, und das ermüdete mich in den letzten zehn Jahren. Ich
machte alle zwei-drei Jahre eine Platte, danach eine Tour, so ertrug ich es für ein paar Monate
berühmt zu sein, aber das Leben ohne Bijelo Dugme erlebte ich als eine Erleichterung.
Endlich kann ich so arbeiten, wie ich es in den letzten zehn Jahren träumte, und das ist, dass
ich Platten mache, die Leute sie kaufen und zu Hause besitzen, und dass ich nicht verpflichtet
bin mich deswegen zu fotografieren.
Aus welcher Frustration heraus betrat man Ende der 60-er, Anfang der 70-er in Sarajevo den Rock’n’roll?
Den Rock’n’roll betrat man immer aus einem sehr einfachen Grund, weil die Mädchen die
Gitarristen mehr als Automechaniker lieben. Das ist überall gleich und kein Geheimnis.
Später finden die talentierteren in diesem Ganzen ein weiteres Motiv und bleiben. Wenn ich
den Film zurückspule, erinnere ich mich, dass ich mit fünfzehn Jahren in einer Kneipe spielte.
Und nachdem ich es geschafft hatte, sagte ich: Halt, das habe ich schon einmal im Leben
gemacht und ich kehre niemals zurück in die Kneipe, auch wenn dafür ich Professor der
Philosophie sein müsste. Mit achtzehn war ich ein Professioneller im Ausland. Und in diesen
70-ern hatte Sarajevo eine Atmosphäre, die sehr angenehm war, ein Atmosphäre von
unglaublicher Durchmischung von Künstlern. An einem Ort konntest du Dichter dieser
Generation finden, welche wahrscheinlich die beste war, die Generation Rajko Nogo, Dušan
Trifunović, Radovan Karadžić ... sie alle waren der Zirkel um den herum man für dasselbe
Publikum rezitierte und sang. Praktisch dasselbe Publikum, welches auf die „Abende der
Poesie“ ging, genauso besucht wie die Musik. Ich erinnere mich an den „Marathon der
Poesie“ ... ach, aus dieser Generation ging eine Generation der Dichter, die wir heute als die
größten und bedeutendsten Sarajevoer Dichter kennen, und der Musiker, welche wir heute
kennen, weit ausgeholt, von den Indexi zu den rezidiven, den Gruppen die in Sarajevo in den
letzten paar Jahren herauskamen, hervor.
Was bestimmte dich als Musiker? Wie fühlst du dich jetzt, wenn du die Gitarre gegen den Computer austauschst?
Als Knirps habe ich mir mit sechzehn – achtzehn Jahren viel LSD ins Gehirn gepumpt, so
dass mein Gehirn danach niemals mehr wie ein menschliches arbeitete. Von meinem Gehirn
erwartete ich nie irgendwelche ernsten Aktionen, so dass ich mich auch nie hinsetzte um
etwas ernsthaftes zu lernen. Ich studierte Philosophie und Soziologie, da dies auf der Schwelle
einer nicht besonders ernsthaften Wissenschaft war, so dass man nicht sehr streng arbeiten
musste. Später erzog ich streng bewusst meine Unwissenheit als eine besondere Art des
Wissens. Ich habe objektiv ein Gehirn, welches ein wenig nicht kooperativ ist, aber wenn ich
ihm noch dazu daran arbeite, dann bekomme ich ein minimales handwerkliches Können. Aber
das ermöglicht es mir offen für viele Sachen zu sein. Wahrscheinlich kann ich besser
synthetisieren als jemand anderes, der ein Spezialist ist. Jemand der etwas nicht weiß, dem
eröffnen sich in den Möglichkeiten der Synthese wahre Wunder. Das Wissen ist immer ein
Streben zum Bekannten. Der Unterschied zwischen einem geschulten und spontanen Musiker
liegt darin, dass der Musiker so perfekt wie möglich die ihm gestellte Aufgabe löst. Mein
glücklicher Umstand ist diese Behinderung des Gehirns und dass ich so bewusst das Talent
konserviere. Zum Glück hatten wir immer genug Geld um jemanden zu bezahlen, der weiß,
was ich brauche, so dass ich immer die besten Musiker, Dirigenten hatte. Und meine Rolle
war, dass das alles um mich herum weht. Ich hatte eine Pause, als ich aus Italien zurückkehrte
und mich an der Universität einschrieb. Ein halbes Jahr spielte ich überhaupt nicht. Erst im
vierten Jahr fiel jemandem ein, dass wir irgendetwas aufnehmen gehen. Es hat nicht viel
gefehlt, dass ich ein unglücklicher Professor des Marxismus werde. Und jetzt kam es so, dass
ich jemand bin, der glückliche Strömungen um den Kopf herum hat, alles was ich mache,
gelingt sofort, so dass dies auch mit den Leuten gelang, mit denen ich in vorher in Italien war,
Bebek und Zoran ... Vor uns konnte niemand vom Rock’n’roll leben. Das ist unser Patent.
Alle spielten so nebenbei zum Studium und nachher, man weiß, arbeitest du in irgendeinem
normalen Beruf. Niemand ist so verrückt sich damit das ganze Leben zu beschäftigen. So dass
wir praktisch erfanden, dass man davon leben kann.
Wann wurde dir bewusst, dass du dich mit größeren Sachen beschäftigen musst, als es Lieder sind – mit Ruhm, Verpflichtungen, Vorurteilen und neuen Situationen für die gesamte jugoslawische Kultur?
Ich habe das Gefühl, dass die ersten fünf-sechs Jahre unheimlich schnell vergingen. Wir
waren ja um die ersten zwei-drei LPs herum praktisch immer auf Tour. Und wenn du auf der
Tour bist, bringst du dich in Lage eines perfekt gutgelaunten Idioten und das ist die Krankheit
aller Rock’n’roll-Bands auf der Welt. Ohne Unterbrechung gehst du von Hotel zu Hotel,
praktisch 300 Tage lang. Du wechselt um die 50 Frauen. Das führt dich in eine sehr
unterhaltsame Idiotie. Praktisch hast du keine Berührung auch nur zu einem Problem. Außer
eines Morgens, wenn dir alles langweilig wird, wie es mir am Ende langweilig wurde. Das
Leben eines Teenager-Stars ist überall auf der Welt gleich. Abgedrehtheit, Alkohol, Blödsinn
... wenn ich heute in das zurückkehre ... es ist nicht geschickt auch heute noch alles zu
erzählen. Kannst du dir diesen ganzen Zeitraum vorstellen, während dem ein paar von diesen
Exkursionen in den Osten selbstverständlich waren. Im Osten verkaufte man unsere Platten
schwarz, wir waren immer bekannt, unsere Musik war voraus. Champagner, Kaviar,
Abgedrehtheit den ganzen Tag ... Besonders die Tour, auf der Mića Ipe ersetzte, so dass die
Band so eine Dosis Alkohol bekam. Dann diese Aufnahmen im Ausland. Da wir einen
Vertrag mit „Jugoton“ hatten, war das dann so „lass uns noch ein bisschen Geld von ihnen
verbrauchen, dass sie nicht alles bis zum Höhepunkt genießen“. Es war selbstverständlich,
dass wir zwei blöde Aufnahmen im RCA-Studio in New York machen, wo Karajan aufnahm,
mit beweglichen Decken. Wir nahmen da ewige und bedeutende Werke wie „Milo-Milo-
Milovane“ auf, welche von den reinen Instrumenten nur ein Akkordeon und eine Mandoline
haben. So, aus reinem Macho-Gehabe. Aber ich wusste zu gut, was passieren würde in dem
Moment, wenn sich einer von den meinen in Verwicklungen mit Drogen oder Minderjährigen
gebracht hätte. Alles konnte man bei uns machen, nur durfte man nichts mit Drogen zu tun
haben, die Drogen durften nicht bei der Tour dabei sein. Nicht weil ich ein Puritaner bin, oder
weil ich das nicht machen würde, sondern weil ich wusste, dass das Drogendezernat uns
immer auf den Fersen war. Sie kamen sogar in unsere Garderobe und stellten sich vor. Das
war etwas, was in jeder Arbeitsplatzbeschreibung jedes Drogendezernats in Jugoslawien
stand. „Schau, mein Freund, was diese Typen im Schlagzeug haben“. Und dann macht Ipe
wirklich Drogen ins Schlagzeug, und das nicht mehr und nicht weniger als drei Kilo. Diese
Gerichtsverhandlung war übertrieben, wahrscheinlich im Wunsch über den armen Ipe die
ganzen anderen Millionen zu erziehen. Aus allem kam Ipe als ein Opfer heraus, von dem er
sich nie wieder erholte. Weil, objektiv, nach diesen zwei Gefängnissen, diesen Jahren in
Zenica und Foča, kam er mit einer ekelhaften Erfahrung raus. Die Affäre liefen von selbst ...
Wie viele Platten, so viele Affären. Aber diese Affäre mit den Drogen fiel mir am schwersten.
Weil jemand als menschliches Opfer fiel. Die anderen Affären waren gewöhnlich,
unterhaltsam.
Wegen einer Affäre gingst du zum Arbeitseinsatz.
Ich denke, dass wir damals zum Arbeitseinsatz aufbrachen um zu probieren Disziplin in die
ganze Sache zu bringen. Ich weiß nicht warum, aber ich glaube an einen Rahmen für Sachen.
Besonders an einen Rahmen für die menschliche Freiheit. So weiß ich nicht, was wir zu
diesem Zeitpunkt taten, aber ich hatte eine starkes Verlangen danach, irgendwohin
zurückzukehren, wo uns ein Rahmen aufgestellt ist, viel enger als derjenige, in dem wir
genossen. Ich dachte, dass wir das für etwas brauchen. Wir gingen zum Arbeitseinsatz, bei
dem wir arbeiteten, nicht spielten. Auch heute noch denke ich, dass das brauchbar war.
Ungeachtet dessen, wie man aus der jetzigen Perspektive auf sozialistische Aktionen schaut,
wir nutzten dies für das Private.
Kehren wir zurück in die 80-er als Tito starb. Wie war dein Verhältnis zu ihm?
Ich liebte immer diesen sozialistischen Kitsch. Das war immer bewegend, Kitsch, so
bewegend geschmacklos, dass es mir lieb war. Mit Tito hatte ich nie eine direkte Begegnung.
Uns holten sie, damit wir für ihn unter sehr quälenden Umständen spielen und wir spielten
etwa zehn-fünfzehn Sekunden. Kannst es dir vorstellen, wie es aussieht, wenn Bijelo Dugme,
ein Orchester, ein Chor und das Ballet HNK spielen. Tito war gegangen und wir blieben
alleine, so dass ich keine Erfahrungen habe, welche andere Musiker mit ihm hatten, gesessen
und gesoffen. Aber wenn wir über diesen Kitsch reden, muss ich sagen, dass er für mich
immer so süß war, dass ich nicht böse auf ihn sein konnte. Das war so bewegend
geschmacklos, dass es dir lieb sein musste. Ich liebte seinen Ledermantel, der aus einem
Menschen direkt ein Denkmal macht. Die Sachen gingen in den Schrank und kamen auch
wieder heraus, aber bei mir blieb immer dieser Ledermantel, in dem du sofort zum Denkmal
wurdest, ich behielt ihn vielleicht zehn Jahre. Von Zdravko bekam ich als Geschenk eine Uhr,
auf der Tito auftaucht und wieder verschwindet. Meine Mama liebte es, sich so wie Jovanka
(<Titos Ehefrau>) anzuziehen, mit diesen Knäueln. Das sah für mich alles so heimisch aus,
das hätte jeder getan, wäre er an seiner Stelle gewesen. Deswegen war es für mich bewegend.
Jeder Schlosser würde Klavier spielen, jede Frau sich wie Jovanka halten. Ich hatte einige
Beziehungen mit Modells, und da war eine Frau, welche die Jovanka anzog. Die eine näht es
ihr, und dann nimmt sie das und näht noch einige Sachen hinzu. Das war für mich so süß. Das
hätte auch meine Mama getan. Dann hatte ich eine große Wohnungen, voll mit diesem Kitsch.
Ich liebte es. Große Lenin-Plakate, die ich aus Russland mitbrachte. Und von Marx. Und das
verteilte ich herum. Plakate und Fahnen.
Man merkt, dass du Gesprächen über die Eltern ausweichst. Du wolltest sie nicht in alles einmischen oder gibt es einen anderen Grund dafür?
Es schien mir zu pathetisch. Sagen wir mal, mein Vater ist ein Gottesmensch und für mich ist
es eine Sünde ihn mit reinzuziehen. Er kehre nach allem in sein Dorf bei Križevci zurück.
Jetzt spielt er ab und zu Geige. Er war eigentlich ... Soldat.
Hast du irgendeinen für ihn charakteristischen Zug?
Er ordnete sich nicht ein, wie er sollte. Er wurde als Offizier oder Unteroffizier pensioniert,
was nicht in „Ordnung“ war, wenn man weiß, dass er aus dem Krieg als Kämpfer herauskam
... Er war kein typischer Soldat, ein bisschen war er eigen und wäre er nicht so, hätte er es bis
zu Pension noch weiter gebracht ... Von ihm erbte ich die gute Laune. Ich bin pausenlos gut
gelaunt und pausenlos singe ich.
Unter welchen Umständen bist du aufgewachsen?
Zwischen Serben, Kroatien und Muslimen. So verläuft auch der Rest meines Lebens unter
ähnlichen Umständen. Ich bin wegen den günstigsten Steuern in Slowenien gemeldet. Ich
liebte Sarajevo mehr als alles andere auf dem Erdball, mich zog es zurück sobald ich für
längere Zeit wegfuhr, aber es war mir zu blöd dort so welche und so hohe Streuern zu zahlen.
Und dann freue ich mich, weil „Đurđevdan“ das wichtigste Lied meiner Karriere ist. Es hat
etwas Erfolg in der Welt, eigentlich basiert die gesamte Musik des Film „Tyme Of The
Gypsies“ auf diesem Lied. Es freut mich, dass man mit der Zeit vergessen hat, wer es
komponiert hat, sondern es wird in den Kneipen als Volkslied gesungen. Und das geschieht
einmal in der Karriere eines Komponisten: dass er etwas schreibt, dass man aber nicht
bemerkt, dass es geschrieben wurde sondern dass es von alleine entstanden ist. Es freut mich,
dass die Serben so sehr ein Lied von mir lieben. Alles im Leben ist so verwickelt. Wenn diese
Ungeheuerlichkeiten vorbei sind, in denen sich jeder über die letzten 50 Jahre ärgert, wird
sich herausstellen, dass es eigentlich das sehr viele Sachen zum Draufspucken gibt, aber dass
die 50 Jahre in der Geschichte der Völker, die auf diesem Raum leben, Spuren hinterlassen
haben. Weil es unmöglich ist, dass sich Serben und Kroaten so lange untereinander mischen,
Muslime und Serben, Kroaten und Muslime, und dass wir immer noch alle alten Vorurteile
wie vor 45 Jahren behalten. Ich kann es nicht verstehen, dass es einen gescheiten Serben oder
einen gescheiten Kroaten gibt, der denkt, dass alle Kroaten Überstunden in Jasenovac
(<größtes kroatisches Konzentrationslager im 2. Weltkrieg>) abgeleistet haben oder dass alle
Serben Tschetniks sind. Zu lange haben wir uns vermischt, damit wir so intolerant sind.
Lange hast du die Politik vermieden mit der Begründung, dass du nichts wichtiges zu sagen hast. Stört es dich, dass heute alle überall allen etwas ohne Toleranz und Respekt viel zu sagen haben?
Die Politik ist wirklich etwas, das den Jugoslawen schlimme Sachen antut. Nicht nur unter der
Herrschaft der Kommunisten. Tausend Jahre von blöder und schlimmer Politik. Ich weiß
überhaupt nicht, wie es diesen Völkern gelingt, so verflucht zu sein, dass ihnen immer die
selben Sachen geschehen. Ich kann es nicht verstehen, dass bei einem Volk, welches als
gescheit gilt, immer derselbe Trick zieht. Es ist traurig, dass diese Völker es nie erlebten, dass
die Politik etwas Gutes für sie tut. So ist es normal, dass alle über die Politik denken und
sprechen, wenn es um ihren Kopf geht. Ich denke, dass es unnötig war, dass ich irgendwas
mache, was eine Verbindung zur Politik hat. Aber weißt du, mit den Jahren konnte ich nicht
mehr widerstehen. Jetzt haben einige Sachen ihre Berechtigung, obwohl sie manche andere
wiederum antizipiert haben, einige waren ihrer Zeit voraus, so dass es schwer ist, sie als
dumm abzustempeln. Die Zeit, als Tempo und ich „Padaj silo i nepravdo“ („Falle Macht und
Ungerechtigkeit“) sangen war fünf Jahre bevor es Jugoslawien einfiel, dass man Macht und
Ungerechtigkeit stürzen sollte. Als ich „ovdje niko neće čopor naći ko ne nauči urlati“ („Hier
wird niemand seinen Rudel finden, wer nicht zu heulen lernt“) hatte, musste ich leider
erkennen, dass sich meine Lieder realisierten. Ich bin glücklich deswegen. Ich hätte es lieber
gehabt, wenn meine Platten ausschließlich aus Liebesliedern bestanden hätten. Das hätte
wirklich lieber.
Wie erinnerst du dich, aus dieser Distanz, an das albanische Lied, die Bearbeitung der Hymne „Hej Slaveni“, „Lijepa naša, tamo daleko“, „Pljuni i zapjevaj moja Jugoslavijo“?
Ganz ehrlich, ich kann mich nicht genau erinnern, was mich leitete, als ich diese Lieder
machte. Das kommt anscheinend von selbst heraus. Es scheint mir, als ob ich mich fragte,
warum ich nicht etwas auf albanisch ausprobieren sollte, wenn wir schon diese Position
haben, vielleicht merkt sich jemand zwei-drei Worte. Ich erinnerte mich, dass in der Armee,
irgendwo in der Ecke, die Albaner alleine für sich „roka mandulinen“ sangen, so dass ich bei
denen, die das übersetzten, was ich schrieb, auf diesen Worten insistierte, die wir alle aus der
Armee in Erinnerung haben. Ich glaube, dass da keine besonders größere Absicht dahinter
stand, weil zu diesem Zeitpunkt niemand einen Bruch mit den Albanern hatte. Meine Absicht
war es auszuprobieren, dass jemand ein paar albanische Wörter lernt.
Das brachte mir später ein, dass es in Zagreb einen Burek-Laden gibt, welchen ein Albaner
besitzt, und sie mich nie den Burek zahlen lassen. In Skoplje ebenfalls ... Es hinterließ eine
Spur. Die ganze Platte „Pljuni i zapjevaj, moja Jugoslavijo“ hatte dieses kleine Konzept,
welches abgerundet werden sollte, aber es konnte nicht erfüllt werden. Es war angedacht, dass
sich alle Staatsfeinde an einem Ort versammeln. Ich schrieb „Ružica si bila“ für Vice Vukov,
ich wollte aufs Cover Mićo Popović bringen, ich wollte, dass Tempo singt ... Diese Platte war
angedacht als so ein Konzept. Aber sofort nachdem wir in Kontakt mir Vice Vukov traten,
begann die UDBA unseren Manager Raka zu verfolgen, nach dem Treffen mit Vice in Zagreb
verhafteten sie ihn auf dem Flughafen in Sarajevo. Ich ging zum Treffen mit Mićo Popović,
und dann bat mich der Direktor von „Diskoton“, weil er wusste, dass sie mich verfolgen, dass
ich mich nicht darauf einlasse. Auch Mićo sagte mir, dass ich zu jung sei um Probleme ohne
große Not zu machen. Dann war es auch technisch nicht durchführbar. Niemand wollte eine
Platte drucken, auf der Vice Vukov singt und auf deren Cover Mićo Popović ist. Ich konnte
nicht viel darüber nachdenken, ob ich will oder nicht, einfach, es war technisch nicht
durchführbar. Weder wollte jemand Vice im Studio aufnehmen lassen noch wollte jemand das
Cover mit Mićo Popović drucken.
Die Sache mit Tempo blieb, dass er zusammen mit dem Chor des Sarajevoer Waisenheimes
„Ljubica Ivezić“ singt. Dieses Heim für verlassene Kinder, in der Nähe meiner Wohnung in
Sarajevo, wird oft im Fernsehen gezeigt. Mein Plan war, dass Tempo mit diesen
Waisenkindern „Padaj silo i nepravdo“ singt, was er gerne annahm. Meine Erfahrung aus
diesem Treffen ist verwirrend: du triffst ein Mythos und eigentlich merkst du, dass alle
Helden aus allen Kriegen ziemlich ähnlich sind. Tempo ist ein energischer Mensch,
wahrscheinlich zu Kriegszeit ein guter Krieger. Als er reinkam um ein solches Lied mit mir
zu singen, war durch nichts verführt, sondern es gefiel im innerhalb seines kleinen
persönlichen Konzepts. So dass es mir als etwas sehr geschicktes in Erinnerung blieb. Als
diese Platte herauskam, setzten sich alle möglichen Komitees zusammen um zu erklären, ob
es so etwas wie „Spuck in die Hände uns sing“ oder dieses „Oh Gott, bitte lass es nicht zu“
ist. Es kam bis zum Mikulić, obwohl ich nicht solche Absichten hatte. Diese Tour fingen wir
immer an mit der Hymne. „Hej Slaveni“ ist eine sehr schöne Hymne, eine der wenigen
schönen Hymnen, schade nur, dass sie der polnischen ähnelt. Aber wie alles schöne von uns
ähnelt es etwas fremdem. Musikalisch ist sie sehr fein, so dass ich immer im Dunkeln
während die Hymne gespielt wurde dieses intensive Gefühl hatte. „Tamo daleko – Lijepa
naša” – das ist ebenfalls die Linie des Konzepts, dass man Sachen in eine Reihe stellt, welche
außerhalb der Reihen sind. Ich spielte zufällig diese beiden Melodien und stellte fest, dass sie
ideologisch, oder in irgendeiner anderen Konnotation, welche um sie herum geht, unvereinbar
sind, aber wenn du sie in zwei Melodien packst, eine neben die andere, dann haben sie eine
Logik, die steht, sogar unerschütterlich steht. Für jemandem, der nicht weiß, dass das „Lijepa
naša“ und „Tamo daleko“ sind, geht das, ich überlege sogar, dass ich das in einen Film, den
ich gerade mache, als Leitmotiv reinstelle. Weil es so natürlich ist, dass so ein Dur-Anfang im
kroatischen Teil später durch den Moll-Teil im serbischen Teil fortgesetzt wird und eine sehr
schöne Melodie aus dem Ganzen entsteht. Ich dachte, dass der ganze Tumult um dieses Lied
herum entstand, aber es war nicht so. Alle Feindlichkeit, die es auf dieser Tour gab, brachte
„Đurđevdan“, welches die Fans vom Roten Stern Belgrad anfingen in den Stadien als Hymne
zu singen. In dem Moment, als „Lijepa naša“ und „Tamo daleko“ zusammengeklebt wurden,
haben sie keine besodere Ablehnung hervorgerufen, weil ich das mit der Klappe „Trogir“ und
dem „Ersten Gesangsverein“ gemacht habe. Alles floss wie Milch.
Über den Film und die Freunde, die dich in allen hineingestoßen haben. Was fandest du darin?
Zunächst fand ich: ich bin nicht verantwortlich für alles, was in einem guten Film eine
wunderbare Stellung ist und in einem schlechten eine schreckliche. Weil, nur in einem guten
Film kannst du eine gute Musik machen. Wenn du in einem schlechten Film, ich weiß nicht
was für eine Musik machst, wird sie niemand hören, so dass dies abgeschrieben wird, weil
nicht die gesamte Verantwortung auf dir lastet. Und in einem guten Film ist es geschickt, weil
du doch ein Wenig Ruhm aufsammelst. Obwohl für jemanden, der nicht so eine Biographie
hatte wie ich, dem sich der Ego satt gegessen und überfressen hatte, diese Position ein wenig
störend sein würde, da den gesamten Ruhm und das Geld normalerweise der Regisseur
mitnimmt. Ich wollte nicht vor Emir Filme machen, da mir der Ruhm schon immer zu wenig
war. „Tyme Of The Gypsies“ machte ich kostenlos, es scheint mir sogar, dass ich selbst die
Aufnahmen bezahlte, aber mit einer großen Zufriedenheit, weil ich schon immer ein Fan von
ihm war. Objektiv hatte er mit Simke keine komponierte Musik in den Filmen, er hatte es
aber auch nicht nötig. Hauptsächlich verstanden diese Pariser Regisseure Musik immer als
eine orthopädische Hilfe und sahen zu, ein wenig besser als die Situation zu sein. So dass wir
erst in „Tyme Of The Gypsies“ ein Demo machten und später eine sehr ansehnliche Musik
herauskam.
Erinnerst du dich an die letzte Tour?
An die letzte Tour erinnere ich mich als eine sehr qualvolle. Ich denke, dass das erste Konzert
hier irgendwo war. Wahrscheinlich, Sremska Mitrovica. Unter uns im Dunkeln auf die Bühne,
du denkst es gibt nichts in dieser Dunkelheit außer dem Publikum, doch du hörst zum ersten
Mal diesen Ton „Srbija, Srbija“ ... Die Lichter gehen an, und alles voller serbischer Fahnen,
etwas ganz Neues. Wie als Ironie spielen wir am nächsten Tag in Kroatien. Wieder dunkel
und aus der Dunkelheit heraus kroatische Fahnen in der Tiefe. Unsere LKWs wurden mit
„Srbija über alles“ vollgekritzelt. Später das selbe in Kroatien. Das war vor der
Versammlungen, den Demonstrationen. Das sah man zum ersten Mal auf unseren Konzerten.
Das war etwas, was bei mir einen sehr qualvollen Eindruck hinterließ und ich konnte es kaum
erwarten, dass diese Tour zu Ende geht.
Was blieb für dich unvollendet mit Bijelo Dugme?
Ich glaube nicht, dass es etwas gibt. Ich träumte, ich bleibe irgendwo auf der Reise, sagen wir
mal Thailand, Philippinen. Ich würde gerne mit dem Schiff in die Südsee fahren ...
Reiseberichte sollte man verbieten, sie sind Opium für das Volk. Ich habe das Gefühl, jemand
besticht diese Menschen, dass sie Reiseberichte schreiben, so dass die Leute nirgendwohin
von sich aus aufbrechen. Statt dass du fährst, fahren die dorthin und erzählen es dir dann.
Alles ist berechnet: damit du immer weniger Tier bist, und immer mehr Pflanze. Sie würden
dir gerne Wurzeln geben damit du da wie ein Trottel rumsitzt.
Dem Zusammenbruch Jugoslawien ist auch der Epilog des zweiten Jugoslawiens (<das erste Jugoslawien war das Jugoslawien zwischen den Weltkriegen>). Deine Musik kennzeichnete diese letzten Jahre.
Aus dieser Distanz könnte man Geschehnisse nebeneinander stellen, die parallel abliefen. Wer
hätte zu jenem Zeitpunkt denken können, dass die Sachen in Jugoslawien genau in dieser
Richtung laufen werden. Wahrscheinlich hätte man die Symptome dessen sehen können.
Jetzt, könnte ich mir Bijelo Dugme nicht mehr vorstellen, auch wenn es gar nichts mit mir zu
tun hätte. Ich kann mir so eine Gruppe nicht in diesen Umständen vorstellen. Das war etwas,
was einfach zu dieser Zeit damals ging. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand wieder die
Band zusammenstellt, anfängt zu spielen und Platten veröffentlicht. Das ist genau etwas, was
in diese vergangene Zeit gehört und das ist vorbei, endgültig.
Wie sich für dich das Schicksal eines Flüchtlings aus?
Manche streben zu ihr hin. Ich nicht. Das ist eine Passion von diesen Medienmenschen, dass
sie etwas aus sich machen, dass sie ihr Schicksal wegen dem herausstellen.
Wie hättest du es ab liebsten, dass die Ära von Bijelo Dugme in Erinnerung bleibt?
Ganze Generationen erkennen jetzt die alte Musik, die Stones, die Beatles, aber das heißt
nicht, dass das als Musik jemals wieder zurückkehrt. Das wird nicht passieren. Aber man wird
immer mehr alte Platten hören. So auch Bijelo Dugme. Was ist die Ironie darin ... Ich komme
jetzt aus Rom zurück, wo sie zwei Quartetts von mir spielten, jetzt spielten sie in Paris ein
Quartett von mir. Ich befinde mich in einer schrecklich komischen Situation. Jemanden aus
dem ordinären sub-sub-kulturellen Milieu stecken sie irgendwo anders in etablierte Kultur. In
Rom spielt wird mein kleines Quartett vom vielleicht besten Streicherorchester der Welt
(Balanescu) gespielt. Ein unangenehmes Gefühl.
Nach Bijelo Dugme arbeitest du im Ausland mit vielen berühmten und bekannten Menschen zusammen. In diesen Beziehungen, fühlst du dich indifferent, weil du aus einem kleinen Land kommst, aus kleiner Musik, oder erlaubt dir deine Arbeit Freiheit?
Erstens, ich ging ins Ausland nicht aus eigenem Antrieb sondern wegen der Macht der
Geschehnisse. Praktisch war ich eine pensionierte Person. Ich wollte nicht mehr arbeiten, ich
hatte genug. Ich fand heraus, egal wie hart das jetzt klingen mag und es ungeschickt ist so
etwas zu sagen, dass der Krieg etwas wie ein natürlicher Prozess ist, der starr gewordene
Sachen in den Gelenken in Bewegung bringt. Es entstehen Auskugelungen, aus denen neue
Sachen geboren werden. Ich liebte es niemals zu arbeiten. Mein Biographie ist die typische
Biographie eines Faulenzers. Als Rentner fand ich heraus, dass ich es liebe zu arbeiten.
Ich habe niemals im Leben gearbeitet außer in den letzten zwei Jahren und das kam als eine
direkte Folge des Krieges. Als weitere direkte Folge des Krieges habe ich auch keine Heimat
mehr. Wenn ich von Heimat spreche, hat das für jemanden, der Lieder schreibt, andere
Konnotation als für jemanden, der einfach sein Haus verlassen hat. Natürlich habe ich auch
das Haus verlassen, aber das ist nicht wichtig. Ich blieb ohne Heimat in jeder Hinsicht. Und
das ist für jemanden, der Lieder schreibt, eine sehr ernsthafte Behinderung, weil ich keine
Lieder mehr schreiben kann, ich kann sie nicht mehr in meiner Sprache schreiben. Deswegen
recycle ich nur Lieder. Ich lebe im Ausland und wenn ich Iggy das Lied „Na zadnjem sjedištu
mog auta“ gebe, macht er daraus als Anstoß „In The Deathcar“. Ich bin also gezwungen
daraus kompromissvolle Derivate zu machen, ich kann mein Material nicht mehr vom Anfang
bis zum Ende kontrollieren. Ausgekugelt aus meiner Heimat, dieser kulturellen, mentalen und
emotionalen, war ich zuerst erschrocken und gefährdet, um jetzt all das zu genießen. Wenn
ich jetzt zurück schaue erlebe ich jetzt meine Stadt und mein Land als etwas, was mir Rahmen
aufstellten, die objektiv klein sind, und ich genoss das. Jugoslawien ist etwas, wo wenn du
furzt, dich dein Furz nicht stört, aber der fremde ist für dich schrecklich. So sieht es bei uns
aus. Das ist ein Furz, der dir, leider, gefällt. Wegen diesem Gefallen verlässt du den Rahmen
nicht. Aber, wenn du dir das objektiv anschaust, gab es da Leute mit genug Talent, um ihn
früher rauszugehen als sie rausgegangen sind.
Wäre ich mit zwanzig Jahren rausgegangen, hätte ich Sachen mit viel mehr Kraft bewegen
können, als ich sie jetzt bewege. Aber, darauf blickend, bin ich jetzt von meinem Ort
wegbewegt worden, ich habe jetzt keine Heimat mehr – ich genieße das jetzt. Erstens habe ich
mich von allem befreit, was mir als Ballast erschien, und das sind die Häuser, Wohnungen,
Autos, Yachten, und ich blieb ohne irgendwas. Das erschien mir als solche Erleichterung,
dass ich sie nicht beschreiben kann. Ich versprach, dass ich nie wieder etwas haben werde.
Jetzt bin ich frei und kann hingehen, wohin ich will. Ich habe diese kleine Wohnung in Paris,
ich sehe sie nicht als irgendein Eigentum an, wo ich von Zeit zu Zeit ein bisschen arbeite, ich
habe noch nicht mal ein großes Auto. Ich habe ein kleines Auto, in welches ich meine
Ausrüstung packe und dann in die weite Welt arbeiten fahre. Ich fühle mich so frei wie noch
nie bis jetzt. Mit diesem Verlust des Eigentums verlor ich alles, was mich an einen Ort band,
was ich jetzt als eine schreckliche Befreiung erlebe. Ein Film machte ich ein bisschen in
Israel, ein bisschen in Marokko, weil ich alles, was mein ist, in drei kleine Koffer packe und
so reise. Jetzt ist die Technologie so weit, dass man Bücher schreiben oder malen kann. Man
nimmt seine Staffelei und stellt sie irgendwo auf. Einen Film mache ich ein bisschen in
London, ein bisschen in Skoplje, dann komme ich nach Belgrad. Ich wäre wahrscheinlich
auch nach Zagreb gefahren, aber sie haben mich nicht gelassen. Es wird die Zeit kommen,
dass ich auch dorthin werde hingehen können, weil es viele Musiker gibt, mit denen ich es
liebe zusammenzuarbeiten, beliebte Musiker, Studios, Adressen, genauso wie hier. So dass
ich wahrscheinlich nie Immobilien haben werde und das ist diese gute Seite des Krieges.
Dank dem Krieg habe ich ein wenig mir meine Grenzen versetzt. Das ganze Leben haben ich
versucht die Grenzen auszuloten, in die Ferne, so bin ich mit dem Schiff über den Ozean
gefahren, in die Höhe, so war ich mit Alpinisten auf 6500 Meter, so bin ich um die Welt
gefahren ... Jeder Mensch verbringt sein Leben, indem er überprüft, wo seine Grenzen sind, in
welcher Richtung. Aber diese Grenzen der Stadt, in der du lebst, habe ich das Gefühl,
überprüfen sehr wenige Jugoslawen, und das sind die Grenzen, denen wir völlig unbewusst
zustimmen. Und hätte es den Krieg nicht gegeben, hätte ich sie niemals überschritten, weil ich
das nicht nötig gehabt habe. Es war für mich süß, so eingekuschelt in mein kleines Sarajevo.
Wenn du jetzt xxx, was der Krieg angerichtet hat, bin ein großer Kriegsprofiteuer, weil
er mich von diesem schrecklichen Ballast befreit hat, welches ich hatte, und das ist all das,
was ich durch Bijelo Dugme erreicht habe – ein schrecklicher Ballast aus Ruhm, Immobilien
und Eigentum. Die Sachen, die in allem eigentlich die wertvollsten waren, und das sind um
die zehn ernsthafte Freundschaften und um die dreißig liebe Bekanntschaften, das besteht
auch heute noch. So dass ich mich nicht beschweren kann. Ich bin in die besten Jahre
gekommen, so dass ich wahrscheinlich jetzt die beste Musik machen werde. Ich habe keine
Verpflichtung mehr berühmt zu sein. Ich lebe in Frankreich, habe fast eine dreifache goldene
Schallplatte dort und niemand kennt mich. Davon habe ich mein ganzes Leben lang geträumt.
Ich erinnere mich an das Mischen von „Uspavanka za Radmilu M“ in London. Ein Typ mit
einer Tasche kommt herein. Wer ist das?. Einer von Pink Floyd. Du hättest ihn tausendmal in
der U-Bahn treffen können und es wäre dir nicht eingefallen, das er 20 Millionen Platte
jährlich verkauft. Ich habe immer von so einer Karriere geträumt und jetzt ist es so
gekommen. Dass ich keine einzige Verpflichtung habe, mich nirgendwo fotografieren muss,
nirgendwo für die Zeitungen sprechen muss und dass meine Platte steht. Was am schönsten
ist, die Leute kaufen meine Platte mit Material, auf dem ich nicht lügen muss. Ich musste hier
manchmal lügen, irgendwelche künstliche Konstruktionen machen, irgendwelche
zusammengeklebten Frankensteins.
Meine Platten sind jetzt natürlich, diese Frankensteins von mir, die ich heute mache, sind
natürlicher, erst jetzt werde ich gute Musik machen. Jetzt arbeite ich, weil es für mich schön
ist auf der Arbeit. Natürlich, aus dieser Panik heraus, dass ich verhungern werde, habe ich drei
Filme in Frankreich innerhalb eines Jahres gemacht, damit ich nicht zufällig hungrig werde,
weil ich es nicht gewohnt bin arm zu sein. Jetzt habe ich dies nicht mehr, und jetzt mache ich
nur gute und herausfordernde Filme. Ich weiß nicht, mit was ich jetzt zufrieden sein könnte.
Vielleicht bin ich jetzt am zufriedensten damit, dass wir eine Synthese ermöglicht haben und
ermöglicht haben, dass wir eventuell keine Scham haben von dem, was wir sind. Ich erinnere
mich: zum ersten Mal habe ich das als intensive Emotion bei MTV erlebt, bei einer
Preisverleihung. Kannst du dir vorstellen, wie das aussieht, was für eine Versammlung von
Weltstars das ist. Und mittendrin taucht Ofra Haza auf. Sie ging ohne jegliche Begleitung aus
in ihrer Tracht und sang alleine ein Volkslied. Den ganzen Abend gab es sehr viel gute Musik,
aber weswegen ich sagte: Gott, warum haben wir das nicht? Weil sie mit soviel
Selbstsicherheit und Stolz ihr Lied gesungen hat. Stolz darauf, dass sie ein Lied aus dem
Jemen singt, was schwer auf der Karte zu finden ist, aber ihre Selbstsicherheit, dass sie etwas
Gutes singt, dass es wert ist, genau an diesem Abend gesungen zu werden – das ist etwas, was
uns seit jeher gefehlt hat. Ich glaube, dass wir eventuell daran unseren Anteil haben könnten.
Natürlich, so wie wir eigentlich aus allem eine Karikatur machen, so ist auch unser Stolz in
eine Karikatur übergegangen. Unser allgemeiner nationaler Stolz aus alles und der nationale
Stolz in der Musik sind bis zur Karikatur getrieben worden, weswegen wir den Kopf verlieren
werden, aber uns wird wahrscheinlich unser kleiner Anteil daran bleiben. Und dass ein paar
Liebeslieder immer noch einem Paar von vor zehn Jahren passen, das haben auch alle
anderen, leicht ist es Lieder zu finden, an die sich die Leute binden.
In einem französischen Blatt sagtest du, dass deine Mutter Serbin, dein Vater Kroate, deine Frau Muslimin ist und dass du nur Jugoslawe sein kannst. Nach allem, hat es einen Sinn sich so zu äußern?
Ja, es gibt. Jugoslawien existiert. Je mehr die Zeit vergeht und je schlimmer der Krieg ist, so
mehr siehst du, dass dies alles nicht in diesem Maßen ein Nichts und grundlos war. Es war
nicht so unernst, wie das jetzt alle zeigen wollen. Jugoslawien hatte auch nicht gerade eine
kurze Geschichte für ein Staat auf dem Balkan. Mir bedeutet es nichts, wie sich die Politik
bewegt. Mein Heimat ist nicht die Politik. Meine Heimat sind Sachen, die nichts mit der
Politik zu tun haben. Jugoslawien als etwas, was politisch definiert wird, interessiert mich
auch nicht. Ich spreche von Jugoslawien als meiner emotionalen Heimat.
Und Jugoslawien als meine emotionale Heimat existiert wirklich. Weil ich mich überall gut
fühle, ich habe Erinnerungen aus allen Teilen dieses früheren Jugoslawiens. Auch früher als
ich „Jugoslawe“ sagte, habe ich nichts politisches gemeint. Ich habe immer zwischen dem
geographischen und politischen Begriff und meiner emotionalen Heimat unterschieden, des
Ziels, welches ich anerkenne. Die Aussage „Nikad se neću vratit’ u svoj rodni grad“ („Ich
werde niemals in meinen Geburtsort zurückkehren“) hat eine große Publizität hervorgerufen.
Jetzt redet man immer mehr über ein in die Welt verlagertes Sarajevo.
Kann man diesen charakteristischen Geist Sarajevo verlagern, versetzen?
Ich glaube nicht, dass dieser Geist verlagert werden kann, Sarajevo wird nicht jetzt mit uns
stehen bleiben, mit meiner Generation, die es verlassen hat. Auch wenn dies stehen bliebe,
würde dies nichts bedeuten. Ich weiß nicht, sie Sarajevo mit seiner nächsten Generation
aussehen wird. Und dieses verlagerte Sarajevo ... Eine Generation, die das gemacht hat, mit
was man Sarajevo so charakterisieren könnte, dass es die Leute erkennen, wird an einen
anderen Ort verlagert das versuchen, in anderen Codes Sachen zu sagen, welche sie ansonsten
nicht sagen würde. Ich weiß das über die Leute um mich herum, nahestehende. Nur dadurch,
dass Krieg ist und wir verlagert sind, sind alle besser und reiner. Wenn also dieses Sarajevo
verlagert wurde und wieder angefangen hat zu leben, dann hat es nicht mir Sarajevo als
Sarajevo zu tun. Weil, sagen wir mal, in Sarajevo talentiert zu sein, hieß sehr an Sarajevo
angepasst zu sein. Sarajevo ist eine sehr kleine Stadt, das ist kein Belgrad, es hat nicht diese
Kapazität um, sagen wir mal, einen Star zu vertragen. Deswegen konnte dort auch niemand
ein Star sein. Als Metapher kann hier dienen, dass Kusturica in Cannes einen Preis erhält, und
zur selben Zeit in Seiner Wohnung das Parkett ausbessert. Das war die einzige Art, dass ein
Mensch Sarajevoer sein konnte, dass er durch nichts diese Stadt wissen lässt, dass er groß ist
und dass, weil du aus ihren Mauern wächst, du mit deiner Größe diese Mauern nicht verletzen
willst und darfst. Das war die Charakteristik dieser Stadt. Wenn du heute diese Menschen
siehst und sie in Städte versetzt, dessen Mauern größer sind, können sie die Seele fliegen
lassen. So dass das keine Sarajevoer in diesem Sinn sind.
Sarajevoer sein hieß diese Disziplin, wie man sich in einem kleinen Ort benehmen sollte, zu
verstehen. Groß sein, wie ein Elefant im Porzellanladen, und aufpassen nicht Zerbrechliches
zu zerschlagen. Das hieß Sarajevoer sein.
Und wenn du da herausgehst, hast du diese Verpflichtung nicht mehr, so dass du heute in
verschiedenen Fachgebieten bemerkst, dass die Leute erlebten wie ihre Karrieren losflogen.
Ich meine nicht nur die Musik, da sind auch Geschäftsleute, die Sarajevo limitiert hatte. Das
ist doch ein kleiner Ort. Wenn du heute schaust, sagst du durch die historischen Ereignisse in
ihm: Was ist das für eine Stadt? Aber das ist nichts, ein kleiner Ort, dir lieb, aber klein.
Über dich hast du irgendwann gesagt, dass die Jugoslawen sich dich als den idealen Landsmann vorstellen, als „Dieb, den sie niemals gekriegt haben“. Wie würden sie sich jetzt in den Augen des Volkes definieren?
Ich habe mich aus dieser Sphäre des alltäglichen Interesses hinausgerückt. Das ist etwas, von
was ich immer geträumt habe, und das ist, dass mich die Menschen nicht auf der Straße
erkennen, dass ich mich aus der Situation des laufend Populären herausrücke. Diese Not, dass
jemand jede Woche populär sein muss, dass ist etwas, was mich sehr ermüdete. Ich glaube
nicht, dass ich jemand bin, über den man jetzt nachdenkt. Und wahrscheinlich stehe ich dort
irgendwo, mit Menschen um mich herum, als irgendeine süße Erinnerung. Wir werden hier
von niemandem jetzt gebraucht. Was soll jetzt jemand hier, der Lieder schreibt?
Wahrscheinlich, eines Tages wenn sie den Krieg beenden und wenn dies alles vorbei ist,
werden sie jemanden brauchen, auf den sie Stolz sein können. Und wahrscheinlich mache
Kusta, ich und ein paar Leute auf der Welt jetzt dies etwas, damit diese Verrückten hier
darauf Stolz sein können.
INTERVIEW AUS DEM „GLOBUS“
Ein Teil des Interviews, der in der Zeitschrift „Globus“ am 9. Juni 1995 erschien
Goran Bregović kam nur kurz aus Paris zum Filmfestival nach Cannes in der Rolle des
Komponisten der Musik für den Film „Untergrund“ von Emir Kusturica. Zusammen mit den
übrigen Mitgliedern dieses Filmteams gab er Journalisten aus aller Welt Promo-Interviews,
und obwohl der Film nicht in Kroatien gezeigt werden wird, stimmte er einem exklusiven
Gespräch für den „Globus“ zu und beendete so das langjährige Schweigen für die kroatische
Presse.
Legerer und gelassener als zur Zeit von Bijelo Dugme, hinterließ Bregović den Eindruck
eines Menschen, der mit seinem neuen Leben zufrieden ist, der nicht um die Vergangenheit
trauert, und die Themen, welche die Politik und den Krieg berührten, vermied er.
Er behauptet, dass ihn nur die Musik interessiert und dass für ihn in der französischen
Filmindustrie noch viel Arbeit für ihn vorhanden ist.
Seitdem Sie vor dem Krieg nach Paris gingen haben Sie sich kein einziges Mal in der kroatischen Presse zu Wort gemeldet. Warum haben Sie so stur die Interviewanfragen abgelehnt?
Ich wollte keine Interviews geben, weil ich keinen Grund hatte zu sprechen, da in Kroatien
meine Platten nicht herausgegeben wurden. Sie wissen, dass ich schon immer nur Interviews
gab, wenn meine neuen Platten erschienen.
Raubkopien der Kassetten von Bijelo Dugme waren auch zur Zeit des Krieges auf dem Markt sehr begehrt und unlängst hat die Firma Croatia Records eine Kompilation herausgegeben.
Und deswegen gebe ich jetzt auch ein Interview um ein Wenig für meine CD zu werben.
Wie haben Sie die Auszahlung der Entschädigung für die Urheberrechte gelöst?
Also Croatia Records ist der Eigentümer der Aufnahmen und sie konnten sie ohne Probleme
veröffentlichen, und die Urheberrechte hab ich meinem Vater überschrieben, so dass er auch
manche Kuna von dieser CD erhält. Schau, jetzt ist es in meinem Interesse, dass sie so gut wie
möglich verkauft wird und deswegen gebe ich ein Interview. Ich habe es satt den berühmten
Typen zu spielen und die Interviews dienen dazu, damit die Leute wissen, dass meine neue
Platte erschienen ist. Wahrlich machte es keinen Sinn, dass ich vorher etwas in den Zeitungen
sage und deswegen lehnte ich alle Gespräche ab. Der naive Kusturica tat das und ergärte sich
danach, dass sie ihm alles mögliche in den Mund legten, was er nicht gesagt hat. Außerdem
denke ich, dass die hysterische Zeit jetzt ein Wenig vorbei ist und dass mir wenigstens die
Leute von den ernsthaften Zeitungen nicht alles Mögliche zuschreiben werden.
Krieg
Wahrscheinlich gelangten die Echos des Krieges zu Ihnen und auch die Schlagzeilen in der Presse. Da sie eine öffentliche Persönlichkeit sind, erwartete man von Ihnen, dass Sie auch etwas gegen den Krieg sagen, dass Sie auf die Aufrufe antworten.
Ich habe das Erzählen satt, das dauert zu lange. Außerdem habe ich gar keine Illusionen
darüber, dass mich jemand mehr oder weniger lieben wird, wenn ich etwas sage oder
verschweige. Das ist vorbei, wir gehen weiter. Es ist Krieg, alles ist ins Wasser gefallen, so
sehe ich auch nicht, warum auch die menschliche Rücksicht nicht ins Wasser fallen würde.
Das alles zusammen ist sehr traurig. All mein Kontakte, welche bestehen bleiben sollten, sind
geblieben, sie werden auch diesen Krieg überleben. Aus der Band bin ich im Kontakt mit
Zoka geblieben, welcher in Finnland ist und für den es als Herausgeber sehr gut läuft, Lazo
Ristovski arbeitet in Belgrad, mit ihm traf ich mich, als ich dort die Musik für Kusturicas Film
fertig stellte.
Hat Sie Kusturicas Film über den Zerfall Jugoslawiens emotional getroffen oder haben Sie professionell kalt die Musik geschrieben?
Mit Kusturica kann man nicht kalt zusammenarbeiten. Er ist ein Teufel.
Da Sie mit dem jugoslawischen Pass, wie ich das voraussetze, nicht nach Kroatien kommen, besucht Sie Ihr Vater in Paris?
Wir treffen uns an der slowenischen Grenzen, weil Papas Dorf in der Nähe ist. Ich müsste
einige kroatische Papiere erledigen, damit ich nach Kroatien kommen könnte, aber, wenn ich
es mir überlege, ist es für mich einfacher, den französischen Pass zu bekommen, so dass ich
als Franzose reisen werde.
Wie haben Sie sich genau Paris als Exil ausgesucht?
Vor zehn Jahren kaufte ich mir eine kleine Wohnung in Paris und eröffnete ein Bankkonto.
Ich selbst weiß nicht, warum ich dies tat, aber ich hatte das Geld und das erschien mir als
geschickte Einlage. Die Wohnung wie das Konto standen jahrelang und was für ein Glück,
dass ich dies hatte, denn am Ende blieb mir nur das. Alles an was ich emotional gebunden
war, Tagebücher, die ich führte und Lieder, die ich schrieb, blieb in Sarajevo. Aber die
Menschen erlebten auch schlimmere Schicksale, so dass man nicht um gestohlenen Kassetten,
Notizen und Bändern trauern sollte ... Als ich in Paris ankam, fürchtete ich, dass ich
verhungere, und dann machte ich in zwei Jahren fünf Filme.
Filmmusik
Verhungern? Ist den auf dem Konto so wenig Geld von der erfolgreichen Karriere mit Bijelo Dugme geblieben?
Ach, ich bin es nicht gewohnt arm zu sein, so dass wenn ich etwas Kohle habe und nicht
bequem bin Panik verspüre. Deswegen arbeitete ich schnell und nahm sofort die Arbeit an
fünf Filmen an, einer nach dem anderem. Die Platten begannen sich gleich zu verkaufen, so
dass ich jetzt wahrscheinlich weniger arbeiten werde. Ein Film im Jahr wird völlig genügen.
In Paris bin ich eigentlich sehr wenig. Ich arbeite unterwegs, weil die Technologie heutzutage
so entwickelt ist, dass ich alleine meinen Computer ins Auto stellen kann, irgendwo ein Haus
oder Hotelzimmer mieten und dort arbeiten kann. Sagen wir mal, einen Film mache ich ein
wenig in Israel, ein wenig in Monte Carlo, einen anderen ein wenig in London, ein wenig in
Skopje ...
Das klingt so als wären Sie nach Frankreich als Star gekommen und nicht als anonymer Musiker.
Also, als ich nach Paris kam, hatte ich hinter mir 150.000 verkaufte Platten mit der Musik aus
dem Film „Tyme Of The Gypsies“. Ich hatte Glück, dass nach der Premiere von „Arizona
Dream“ die Leute in den Läden die Platte mit der Musik aus diesem Film suchten, ich diese
aber noch nicht veröffentlicht hatte, ich dachte noch nicht einmal daran. Glücklicherweise
wollte ein der Produzenten von „Polygram“ sie ebenfalls kaufen und als er sah, dass es sie
nicht gibt, suchte er mich über die Botschaft auf und kam zu mir um den Vertrag für die Platte
zu unterschreiben. Alles fiel so einfach aus, aber erfolgreich. Sehen Sie, bei mir läuft alles von
alleine.
Die Musik aus den Filmen „Arizona Dream“, „Königin Margo“ und auch aus
„Untergrund“ hörend, scheint es so als würden Sie Ihre alten Ideen recyceln.
Ich recycle ständig, meines und fremdes. So stelle ich mir Musik vor.
Jetzt wenn Sie sich selbst bewiesen haben, dass Sie auch auf dem Welt-Musikmarkt erfolgreich sein können, tut es Ihnen leid, dass Sie nicht früher raus gegangen sind?
Ja. Ich denke, wenn es schon zum Krieg kommen sollte, dann hätte es wenigstens vor zehn,
fünfzehn Jahren geschehen sollen. Mein Problem ist, dass ich mit fünfzehn Jahren ein sehr
schweres Jahr im Ausland verbracht habe und später an einen Weggang nicht einmal denken
wollte. Aber, wäre ich früher gegangen, wäre wahrscheinlich alles gleich gelaufen. Früh habe
ich französisch gelernt und das half mir sehr, und immer hatte ich auch mehr Glück als
Verstand.
Zigeuner
In „Untergrund“ haben Sie dieselbe Musikformel wie auch in „Tyme Of The Gypsies“ wiederverwendet. Ist überhaupt etwas anderen in Betracht gekommen als die Dragačever Bläser?
Also die Serben kennend, nein. Was jetzt, sollen sie Strauß spielen? Es gab keinen Grund um
jeden Preis eine andere Musik zu suchen, wenn dies eine schöne Quelle ist. Mit den Zigeuner
machst du immer etwas neues, aber natürliches, altes. Sie stehlen die Musik, wie sie vor 500
Jahren gestohlen wurde, ohne irgendeine Scham. Ihnen gefällt die Harmonie hier, die Melodie
dort, der Rhythmus von irgendwo anders und sie lieben es einfach dies zu spielen, und das
wird zu ihrer Musik. So entwickelte sich die Musik jahrelang normal, aber seitdem die
Agenturen zum Schutz der Urheberrechte bestehen ist alles stehen geblieben. Weil es in ihrer
Musik keine Erzeugung gibt, den natürlichen Durchfluss der Ideen. Die Zigeuner quält dieses
Problem nicht und deswegen ist ihre Musik warm, und im Fluss mit der Zeit, modern.
Warum schreiben Sie in den letzten Jahren vor allem Filmmusik?
Seitdem ich nach Paris gegangen bin, habe ich die Musik für fünf Filme geschrieben. Letztes
Jahr habe ich für Cannes zusammen mit Isabelle Agani „Königin Margo“ gemacht, vorletztes
Jahr ebenfalls ein Film mit dieser Schauspielerin, ich weiß nicht wie der Film heißt. In der
Zwischenzeit arbeitete ich noch an zwei-drei kleineren französischen Filmen, und dann noch
für „Arizona Dream“ ... Die Soundtrack-Platten enthalten meist die Hälfte der Musik aus dem
Film und als Rest machen wir etwas anderes, damit es auf dem Markt kann. Ich bin so ein
Glückspilz, meine Platten verkaufen sich wie verrückt, wie schon immer.
Iggy Pop
Wie kam es dazu, dass Sie an „Arizona Dream“ gerade mit Iggy Pop
zusammenarbeiteten?
Er ist ein alter Fan Kusturicas. Eigentlich kam er zum Casting nach New York, weil Kusturica
in diesem Film eine Casting-Szene hat. In New York wurde ein echtes Casting gefilmt, zu
dem die Leute kamen, als sie die Anzeige in den Zeitungen lasen. Iggy kam zum Casting
zusammen mit Johnny Depp, setzte sich eine Melone auf und sang „God bless America“.
Phänomenal. Schade, dass das nicht in den Film kam. Es stellte sich heraus, dass Iggy alle
Filme von Kusturica kennt und auch meine Musik aus „Tyme Of The Gypsies“, so war es
nicht schwer ihn zur Zusammenarbeit zu überreden. Es wäre nur schwer gewesen ihn mit
Geld zu locken.
G: Kako dobivate angažmane za skladanje glazbe u francuskim filmovima?
Nema tu velike mudrosti: moja im se glazba sviđa i traže me. Nema mnogo talentiranih autora
filmske glazbe. Oni koji uspješno pisu pjesme, ne znaju pisati za film, i obrnuto. Budući da ja
to lako radim, nemam problema s melodijama, meni to, vjerojatno, ide mnogo lakše nego
njima. Kažete da recikliram svoje stare pjesme, ali zanimljivo je da i takva reciklirana pjesma,
kad je otpjeva pravi pjevač, zvuči kao da ju je napisao
neki strašni skladatelj. Prije četiri - pet godina radio sam u Grčkoj i reciklirao pola pjesama s
ploča Bijelog dugmeta i bilo je jako lijepo kad je te pjesme pjevao drugi pjevač. Radio sam s
Ofrom Hazom, a čak je i Igi jako dobar pjevač kad pjeva moje pjesme. Kad ti ide - svi te vole.
Ne radim ništa što ljudi ne vole. Ovdje sve izgleda drukčije. Sve ono što ljudi kod nas preziru
jer smatraju da je izašlo iz opanaka i zato manje vrijedno, to je ovdje na cijeni kao autentično.
Ako išta iza mene ostane od onoga što sam radio u Jugoslaviji, to će biti ono vezano za folklor
i nastalo iz tog korijena. Provincijalnog rock'n'rolla po svijetu ima koliko hoćeš, a autentičnog
nema na bacanje.
G: Spomenuli ste kako se vaše ploče u Francuskoj i Evropi dobro prodaju. Kolike su naklade?
"Arizona Dream" prodana je u više od 350.000, a "Dom za vješanje"
u 300.000 primjeraka.
Obiteljski covjek
G: Znači, dobro živite isključivo od autorskih prava diskografije.
Nedostaju li vam turneje, svirka s bendom?
Nimalo. Svirao sam s Igijem na koncertu u Parizu i tom sam prilikom ustanovio
da to više nije za mene, da to više ne podnosim. Organizam mi odbacuje živu svirku
kao da sam se prejeo i ne mogu više. Ovdje sam dočekao ono što sam cijeli život želio u
Jugoslaviji: da ukinem sliku i ostavim ton. Meni su uvijek ideal bili "Pink Floyd", koji se
nikad nisu slikali, a svi su slušali njihove ploče. Sad sam to napokon dočekao: ne moram se
slikati po novinama i davati intervjue, a ljudi kupuju moje ploče. Posljednjih deset godina
mene je ionako u Jugoslaviji bilo sram kad bi me netko prepoznao i tretirao kao zvijezdu. Da
nisam postigao uspjeh, možda bih se plašio anonimnosti,
no ovdje mi se sve poklopilo.
G: Postali ste obiteljski čovjek: oženili ste se svojom dugogodišnjom djevojkom Đenanom i postali otac djevojčice. Zašto ste tako dugo izbjegavali ženidbu?
Đenana je prve godine rata bila u Sarajevu, oženili smo se kad je izašla iz Sarajeva. Rat sve
promijeni. Kao što neprijateljstva postaju žešća, i prijateljstva se produbljuju, ljudi se
mijenjaju. Kad se Ema rodila, obilazio sam druge sobe u bolnici da vidim jesu li sva djeca
tako ružna. Kad ih vidis onako zgužvane, malo se prepadneš. Ostala su bila i ružnija. No, sad
je već napredovala, navršila je pet mjeseci.
G: Jeste li kao moderan otac prisustovali porođaju?
Ne, nisam. Znam da se to može, ali nije mi palo na pamet.
G: Gdje je danas onaj vaš ručni sat s Titovim likom, što ste ga nosili osamdesetih?
Poklonio sam ga, ha, ha, ha. Ne znam kome, netko ga je jako želio.
HEINEKEN-ROCK PROTOKOLL AUS DEM GÄSTEBUCH DER SEITE
„DEJANOV KUTAK“
Hallo Mr. Goran, ich habe euch das letzte Mal 1985 auf der Bjelašnica genau vor dem
Start der Tour gesehen. Ich hatte Glück, dass dies etwa sieben Tage waren, die ich im
Skiurlaub verbrachte. Und natürlich besuchte ich im selben Jahr auch euer Konzert. Es
tut mir leid, dass ich seitdem keinem Musikereignis, welches Sie organisiert haben,
beiwohnen konnte, ich wünschte es mir so. Es tut mir wahnsinnig leid, dass es bei uns
(ich meine in Jugoslawien) keine so guten Musiker gibt, oder Profis, welche sich mit
Musik auf Ihre Weise beschäftigen. Momentan bin ich in Kanada (dieser Moment
dauert leider etwas länger) und ich würde es begrüßen, wenn ihr auch mal zu uns
kommen würdet. In Kanada sind solche Konzerte sehr gut besucht (frag Bajaga oder
Bora Đorđević). Euer Kommen würde dies abrunden.
Viele Grüße von einem Landsmann in Emigration, Slađan Antić
Slađan, vielen Dank für die Frage. Ich sehe, dass du auf der Bjelašnica warst, wir bereiteten
uns auf der Bjelašnica vor den Touren bis zu eine Woche lang vor. Wer auf der Bjelašnica im
Skiurlaub war, konnte uns auf engem Raum beobachten. Auch ich mochte es immer große
Bands auf engem Raum zu beobachten. Dies gibt es leider nicht mehr.
Und wenn du mich fragst, ob ich nach Kanada zum Spielen komme, ist dies etwas
kompliziert. Wenn Bajaga und Bora kommen, haben sie nicht so eine komplizierte Situation
auf dem Konzert wie ich. Ich spiele mit vielen Menschen und das ist schwer durchzuführen,
aber ich würde gerne kommen. Grüß dich.
Sehr geehrter Herr Bregović, „Loše vino“ hörend in den Versionen mit Bebek und Čolić
und diese vergleichend, fiel mir eine interessante Frage ein: Warum wurde Zdravko
Čolić nie Sänger von Bijelo Dugme? Meiner Meinung nach hat Čolić die beste Stimme
auf dem ganzen Gebiet Ex-Jugoslawiens und ich glaube, er hätte jede Platte von Bijelo
Dugme besser gesungen als diejenige aus 1984 (dazu hätte Čolić dies auch live aufführen
können, nicht nur im Studio), welche mir nach am besten gesungen wurde. Ihre
Zusammenarbeit mit Čolić ist lang und mir scheint es so, als ob die Karriere von Bijelo
Dugme ohne Čolić als vierten Sänger nicht komplett sei. Ich denke, dass dies die beste
Bijelo Dugme Besetzung von allen wäre. Ist dies so unmöglich?
Grüße, Aleksandar, Vancouver, Canada
P.S. Werden Sie auch in Kanada, z.B. in Vancouver spielen?
Aleksandar, danke dass du dich gemeldet hast. Die Frage ist wirklich hervorragend. Es ist mir
nie in den Sinn gekommen Zdravko zu fragen in Bijelo Dugme zu singen. Aber das wäre so
als würde man Maradona fragen bei Željezničar zu spielen. Er ist ein großer Star und es ist
dumm ihn herzubringen um sich mit fünf anderen auf der Bühne zu schütteln. Er hatte nie
einen Grund um seine Träume, und erst recht das Geld, mit uns zu teilen. Deswegen fiel es
mir wahrscheinlich nie ein. Aber er ist ein Sänger, den ich schätze, und der auf all meinen
Platten, die ich in den letzten paar Jahren herausbrachte, etwas singt. Wenn du egal welche
Platte kaufst, von denen, die ich im Ausland herausbrachte – „Arizona Dream“,
„Underground“, „Königin Margo“ – egal welche. Auf all diesen Platten singt Zdravko etwas.
Es ist also nicht möglich, dass er bei Bijelo Dugme singt.
Hi Brega, das ist das erste Mal, dass ich dem Menschen, den ich in unsere Rock-Szene am meisten schätzte, eine Frage stellen kann. Schon mit 3-4 Jahren sang ich „Da sam bijelo dugme ...“ und sammelte die Bildchen der „Knöpfchen“ aus Zeitschriften und Magazinen (Brega, Bebek, Vlado, Ipe, ...), wie sie reiten mit ihren langen Haaren.
Fragen:
1. Wo ist das Photo gemacht worden?
2. Gibt es Möglichkeiten für Auftritte in Kanada (Toronto)?
3. Liebst du uns Fans annähernd so sehr, wie wir dich?
Željko, Toronto
Željko, danke für diese schöne Mail. Es freut mich, dass du mich in Kanada nicht vergessen
hast. Schwer, dass ich nach Kanada, Toronto komme um zu spielen. Das ist mir zu
kompliziert, aber wer weiß? Das was ich jetzt mache entwickelt sich langsam und es wird
einige Jahre brauchen, damit wir es bis da rüber schaffen. Und natürlich, ich habe schon
vergessen, dass ich Fans habe, weil ich mich mit etwas völlig anderem beschäftige und nicht
das Gefühl für so etwas habe. Wenn du Bijelo Dugme erwähnst ist es als ob du mir von einem
früheren Leben erzählen würdest.
Es freut mich, dass du dich an mich erinnerst und danke.
Hallo, die Frage ist kurz und, natürlich, nicht über die Politik.
Ich glaube, dass du einst gesagt hast, dass du den ganzen Zyklus aus Niš vernichtet hast,
d.h. alle Texte aus der Zeit im Wehrdienst, außer „Grad Niš ...“ („Pjesma mom mlađem
bratu“). Warum? Gibt es eine Möglichkeit diese wiederzufinden und wenigstens in einer
Form abzudrucken, wenn du es schon nicht singen willst? Was ist jetzt mit dem
Textautor von „Šta bi dao da si na mom mjestu“?
Gibt es eine Chance dich hier in Kalifornien zu sehen? Hier war vor Kurzem Radiša
Urošević, das ist alles OK & „Gläser zerbreche ich, mein Kopf ist blutig...“, aber ich
würde irgendwie lieber dich und „Kalašnjikov“ hören.
Grüße, Dragan
Dragan, danke für die Mail. Ich habe die Lieder, die ich während meinem Wehrdienst schrieb,
hauptsächlich weggeworfen. Weißt du wie sie sind? Sobald ich eine Frau sehe, die ihren
Mann nicht verließ, während er in der Armee war, ist sie mir sofort verdächtig. So sollte man
auch das, was man in der Armee schrieb sofort wegwerfen. Und auch dieses eine Lied hätte
ich wegwerfen sollen, hätte es nicht veröffentlichen sollen. Das ist mein depressivstes Lied,
welches ich hinter mir zurückgelassen habe.
Danke für die Mail und Grüß dich.
Frage: Ist das Raubkopieren in der Musik erlaubt (weil Sie das machen) – d.h. er ist ein guter Geschäftemacher, und wie fühlen Sie sich als jemand, der Geld durch die Ethno- Motive seines Volkes verdient? Und zum Schluss: Sind Sie Musiker oder Musikant (weil Sie sagten, Sie hätten sich den Computer wegen dem Programm NOTATOR gekauft, welches die Noten schreibt – weil Sie diese nicht können – wenigsten nicht konnten)
Dušan, danke für die Mail. Du fragst ob das Raubkopieren in der Musik erlaubt ist – natürlich
ist es nicht erlaubt. Das ist gesetzlich strafbar, deswegen werden Sie mir vor Gericht den
Prozess machen, für alles was ich vom Volk raubkopiert habe. Aber ich arbeite mit einer
Methode, welche bei Malern Collage heißt, und das ist eine Methode, bei der man
verschiedene Sachen in Beziehung zueinander stellt und manchmal kommt man durch Zufall
zu Ergebnissen, mit denen ich zufrieden bin. Es wäre natürlich sehr einfach, wenn es so etwas
wäre, was jeder machen könnte.
Es wäre sehr einfach sich mit Musik zu beschäftigen – besonders erfolgreich. Das heißt, du
setzt dich nur hin, klebst, und es fallen Geld und Ruhm vom Himmel. So weiß ich nicht, wie
ich dich ermutigen sollte, aber auf jeden Fall, danke für die Mail.
Gruß an die Legende. Ich will mich zunächst dafür bedanken, was du für unsere Musik
getan hast. Du bist eine Legende, bei meiner Mutter. Ich habe nur eine Frage an dich:
Ist es wahr, dass du Alen Islamović vor der Sarajevoer Diskotek „BB“ verprügelt hast?
Vor dem Krieg erzählte man sehr viel davon in Sarajevo, deswegen interessiert es mich,
ob es Tratsch oder Wahrheit ist. Ich lebe ansonsten jetzt in Kanada, so dass es nicht
schlecht wäre, wenn du hierher kommen würdest und manches Konzert hier abhalten
würdest. Und noch eine Frage: Ich habe gehört, dass du deine Karriere in Konjic
begonnen hast, ist es wahr, dass das dortige Publikum etwas kalt war und dass du gesagt
hast, würdest du nur dieses Publikum entzünden, Jugoslawien wäre über Nacht dein?
Viele Grüße, Ognjen Jovanović (Montreal)
P.S. Nur voran. Du machst immer besseres Material.
Ognjen, danke für diese Mail. Ich mochte es nie mich zu prügeln. Obwohl ich Vorsitzender
des Boxvereins Željezničar war, aber ich habe mich nie geprügelt. Also habe ich auch
niemanden verprügelt.
Und die Karriere begann ich nicht in Konjic, weil wenn du in Konjic auf dem Busbahnhof
spielst, kann man dies nicht Karriere nennen. Damals spielte ich als ein kleiner
Kneipenmusiker, ich war fünfzehn Jahre alt und spielte in einer Kneipe. So dass man nicht
sagen, dass ich die Karriere genau in Konjic begann, aber ich spielte um manchen Dinar zu
verdienen.
Danke für die Mail.
Hallo Goran, ich meinen Hut vor allem ziehen, was du für die jugoslawische Musik und
die Kultur allgemein getan hast. Dugme habe ich teilweise gemieden, Bands wie Čorba,
Azra, Sklonište und ähnliche waren mir immer näher. Ich will sagen, dass du, Bora,
Džoni, sogar auch Balašević, Langer usw. einen besonderen Geschmack einer ganzen
Generation gegeben habt, und das muss jeder normale Mensch respektieren.
Ich muss zugeben, dass ich mich vor der Angst vor Erfolg auf dem Balkan ekele, und
damit meine ich die Angriffe auf dich (vor allem wegen den „Plagiaten“). Da haben sich
einige daran erinnert, dass fremde Scheiße besser stinkt als die eigene, so ist es eine
Sünde unsere traditionelle Musik als Einfluss zu nutzen ... und bestimmt haben sie nach
zwei Bier „Mesečina“ und „Đurđevdan“ (und wer weiß was noch) gesungen. Ich sagte,
dass ich eher härteren Tönen zugeneigt bin, aber für mich bist du der Inbegriff eines
glänzenden Musikers und erfolgreic
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