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Posted: 01.06.2007, 04:02 Reply with quote
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Die Erde ist zu klein für mich
Auf der Freilichtbühne Weißensee versöhnte Goran Bregovic die Völker
14.07.2000

Feuilleton - Seite 15

Andreas Busche

Man stelle sich vor: Ein deutscher Rockstar vom Kaliber des jungen Marius Müller-Westernhagen hat irgendwann nach Jahren des Erfolgs eine Eingebung, beginnt Sachen zu sagen wie "Eigentlich ist es albern, mit demselben Rock n Roll alt zu werden, wie er in England und Amerika gespielt wird" und hängt sein Equipment an den Nagel. Daraufhin sucht er sich ein böhmisches Blasorchester, weiss-blaue Volksmusikanten, einen burgenländischen Frauenchor, eine Bergarbeiter-Kapelle aus dem Pott usw. und gründet mit diesen Musikern ein riesiges vielköpfiges Ensemble. Vermutlich käme nicht zu Unrecht der Vorwurf auf, dass seine nationale Gesinnung mit ihm durchgegangen sei.

Jugoslawische Restidentität

Bei dem Bosnier Goran Bregovic stehen die Vorzeichen etwas anders. In Europa gilt der 1950 in Sarajevo geborene Musiker und Komponist mit seinen völkerverbindenden Bemühungen als letzter Botschafter einer (ex-)jugoslawischen Restidentität; als einer, der die Barrikaden der Gewalt auf dem Balkan allein mit der entfesselten Kraft seiner Musik niederreißen kann. Bregovics Vater ist Kroate, seine Mutter Serbin, und seine frühere Band Bijelo Dugme (Weisser Knopf), mit der er in den 80ern der größte Popstar Jugoslawiens wurde, verschmolz erdigen Rock mit bosnischer und mazedonischer Folklore. "Es wäre ziemlich kompliziert", hat Bregovic einmal in einem Interview geäußert, "eine Nation zu erfinden, für die ich Nationalist sein könnte." Viel lieber sieht er sich heute als idealtypischen panslawischen Kosmopoliten, der mit seiner multikulturellen Supergroup, der 42-köpfigen Wedding & Funeral Band, u.a. bestehend aus einer mazedonischen Hochzeits- und Begräbniskapelle, vier bulgarischen Sängerinnen, einem bosnisch-polnischen Männerchor und einem Kammerstreichorchester, die Völker von der Bühne aus befriedet. Seine politisch brisanten Kommentare beschränkten sich bisher jedoch auf Allgemeingültigkeiten oder esoterische Floskeln wie "Sogar die Erde ist zu klein für mich, ich will Bürger des Universums sein" (was ihm während des Bosnienkrieges in seiner Heimat auch schwer angekreidet wurde).

Sieht man aber einmal von seiner erheblich überschätzten Rolle des musikalischen Friedensstifters ab, bleibt Goran Bregovic unter dem Strich einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Komponisten. Das hohe internationale Ansehen bescherte ihm die enge Zusammenarbeit mit dem Regisseur Emir Kusturica für die Filme "Die Zeit der Zigeuner", "Arizona Dream" und "Underground". Für Kusturica trieb Bregovic die Verschmelzung musikalischer Einflüsse aus dem gesamten Balkanraum zu übermenschlich-emotional aufgeladenen Epen zur absoluten Perfektion.

Der zweite Deutschland-Auftritt seiner Funeral & Wedding Band in der Freilichtbühne Weißensee ließ allerdings viel von der überschäumenden Spielwut vermissen, für die Bregovic gemeinhin bekannt ist. Die Stücke waren über weite Strecken getragen von einer trägen, leicht knisternden Melancholie. Bregovic selbst hielt sich als Bandleader angenehm zurück, verstand es aber geschickt, das Konzert als fast schon kinematografische Erzählung zwischen Trauer, Lebensfreude, Liebe, Hass, Tod und Leben zu inszenieren. Zwischendurch verfiel er immer wieder in das kitschige Pathos eines Carl Orff. Die besten Momente hatte Bregovic, wenn er seinen Musikern die Sporen gab. Da war sie dann plötzlich wieder, die rohe ungebändigte Energie, mit der er die hyperventilierende Brass Section über hektische Streicherarrangements scheppern ließ, während sein Männerchor Traditionals herausbrüllte. Diese cartooneske Hysterie, wie bei seinem wohl bekanntesten Stück "Kalasnjikov", zeugte in Anbetracht der gnadenlosen Über-Orchestrierung von seinem kompositorischen Genie. Jede Sekunde hätten Buggs Bunny oder Speedy Gonzales durch die Szenerie fegen können.
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